Kunststoffe bestehen aus Polymeren: großen Molekülen mit sich wiederholenden Bausteinen. Additive, Füllstoffe und Verstärkungsfasern verändern ihre Eigenschaften. Die genaue Sorte zählt daher ebenso wie der Familienname.
Thermoplaste
Überwiegend unvernetzte Ketten. Sie erweichen beim Erwärmen; geeignete Sorten lassen sich wiederholt thermisch formen. Zu viel Wärme oder zu lange Erwärmung kann sie schädigen.
Beispiele: PE, POM, PA. Gehäuse, Gleitstücke oder Buchsen – je nach Sorte und Anforderung.
Duroplaste
Ein eng vernetztes Molekülnetz entsteht beim Aushärten. Der ausgehärtete Werkstoff lässt sich nicht einfach wieder aufschmelzen; starke Erwärmung führt letztlich zur Zersetzung.
Beispiel: ausgehärtetes Epoxidharz, etwa als Matrix eines Faserverbunds.
Elastomere
Ein weitmaschiges Netzwerk erlaubt größere elastische Verformungen und eine Rückstellung. Temperatur, Medium und Alterung begrenzen den Einsatz.
Beispiel: ein geeignet ausgewählter Elastomer-Dichtring. Nicht jeder „Gummi“ verträgt jedes Öl.
Sonderfall TPE: Thermoplastische Elastomere verbinden gummiähnliche Eigenschaften mit thermoplastischer Verarbeitung. Die drei Familien sind eine Einstiegshilfe, keine vollständige Sortenliste.
02 · Verstehen
Vom Auftrag zum passenden Werkstoff
Frage zuerst nach Last, Temperatur, Kontaktmedien, Bewegung, Maßhaltigkeit und Lebensdauer. Die Dichte beeinflusst die Masse, sagt allein aber wenig über Tragfähigkeit oder Verschleiß aus. Auch Kunststoffe können leitfähig eingestellt oder faserverstärkt sein.
Auswahlhilfen – keine pauschalen Materialfreigaben
Aufgabe
Möglicher Ausgangspunkt
Was noch zu prüfen ist
Gleitstück in einer Führung
POM oder eine dafür vorgesehene PA-Sorte
Reibpartner, Verschleiß, Flächenpressung, Temperatur und Feuchtigkeit
Chemikalienkontakt
Werkstoff mit nachgewiesener Medienbeständigkeit, z. B. eine passende PE- oder PTFE-Sorte
Konkretes Medium, Konzentration, Temperatur, Belastung und Dauer
Elastische Abdichtung
Ein zum Medium passendes Elastomer
Dichtungsgeometrie, Druck, Rückstellung, Alterung und Temperatur
Steifes Verbundbauteil
Faserverstärkter Kunststoff
Faserrichtung, Kerben, Verbindungstechnik und Belastungsrichtung
Mini-Auftrag: Die PA-Buchse klemmt nach feuchter Lagerung. Warum?
Polyamid kann Feuchtigkeit aufnehmen. Dadurch können sich Maße und Eigenschaften ändern. Deshalb den Feuchtezustand, das vorgesehene Spiel und die Bedingungen bei Fertigung, Messung und Einsatz prüfen. Eine trockene Buchse einfach enger zu fertigen löst dieses Problem nicht.
03 · Anwenden & verknüpfen
Wärmeausdehnung selbst vergleichen
Ein erwärmtes Bauteil kann länger werden. Der lineare Ansatz lautet ΔL = α · L₀ · ΔT. Hier vergleichen wir zwei frei gewählte Werkstoffmodelle mit α = 100 bzw. 12 µm/(m·K). Diese Zahlen stehen für keine bestimmte Kunststoff- oder Metallsorte.
Zeichnung bei Bedarf seitlich verschieben.
Nur die Längenänderung ist 100-fach vergrößert dargestellt. Die Zahlen darunter sind die berechneten Längen.
Rechenbeispiel: 100 mm, 20 → 50 °C, α = 100 µm/(m·K): ΔL = 100 · 0,000100 · 30 = 0,300 mm. Bei 10 °C wird ΔT negativ: Das Modellteil schrumpft gegenüber seinem Ausgangszustand.
Reale Ausdehnung kann von Temperatur und Richtung abhängen. Für Passungen müssen auch das Gegenstück, die Feuchtigkeit und die Einsatzbedingungen berücksichtigt werden.
04 · Anwenden & verknüpfen
Zeit, Feuchtigkeit und Richtung verändern das Verhalten
Kriechen
Unter gleichbleibender Last nimmt die Verformung mit der Zeit zu. Wärme kann den Vorgang verstärken. Eine anfangs feste Schraubverbindung in Kunststoff kann dadurch Vorspannung verlieren.
Konditionierung
Der Feuchte- und Temperaturzustand wird gezielt eingestellt oder angeglichen. Das ist etwa bei PA wichtig, damit Maße und Eigenschaften im vorgesehenen Zustand beurteilt werden.
Faserverstärkung
Fasern können die Steifigkeit erhöhen und Ausdehnung verringern. Die Wirkung ist oft richtungsabhängig. Ein Wert entlang der Fasern gilt nicht automatisch quer dazu.
Merke: „Heute maßhaltig“ und „unter Last dauerhaft maßhaltig“ sind verschiedene Anforderungen. Ein Werkstoffdatenblatt nennt deshalb Prüfbedingungen.
05 · Anwenden & verknüpfen
Kunststoff bearbeiten und herstellen
Beim Spanen sind Wärmeentwicklung, Werkzeugschärfe, Spanabfuhr und Spannkräfte besonders wichtig. Ein weiches Teil kann unter der Spannkraft nachgeben und erst nach dem Ausspannen sein falsches Maß zeigen. Schnittdaten und Kühlmittel müssen zur Sorte passen; aggressive Medien können Spannungsrisse fördern.
Werkstoffsorte, Ausgangszustand und Zeichnung klären.
Werkstück ausreichend unterstützen und ohne unnötige Verformung spannen.
Geeignete scharfe Werkzeuge verwenden, Späne sicher abführen und Wärmestau vermeiden.
Nach Vorgabe entspannen bzw. konditionieren; erst unter festgelegten Bedingungen fertig messen.
Spritzgießen
Eine formbare Masse wird in ein Werkzeug eingebracht. Bei Thermoplasten folgt das Erstarren durch Abkühlen. Schwindung und Fließrichtung beeinflussen das fertige Teil.
Extrudieren
Das Material wird kontinuierlich durch eine formgebende Öffnung gefördert, etwa für Profile und Rohre. Abzug und Abkühlung beeinflussen die Abmessungen.
Aushärten
Bei reaktiven Harzen entsteht durch eine chemische Reaktion ein vernetzter Werkstoff. Das ist ein anderer Vorgang als das reine Abkühlen einer Thermoplastschmelze.
Staub, scharfe Späne und Zersetzungsprodukte sind zu berücksichtigen; faserhaltiger Staub benötigt passende Schutzmaßnahmen. Keine Brennprobe zur Werkstofferkennung. Kennzeichnung und Werkstoffunterlagen nutzen. Ein Recyclingcode allein beweist weder Lebensmittelverträglichkeit noch sichere Einsatztemperatur.
06 · Anwenden & verknüpfen
Fehlerbild: warm fertig gemessen, kalt zu klein
Ein Kunststoffteil wird direkt nach der Bearbeitung gemessen und passt scheinbar. Nach Temperaturausgleich unterschreitet es das Mindestmaß. Der Verdacht: Wärmeausdehnung wurde bei der Fertigentscheidung nicht berücksichtigt.
Sinnvollen Prüfweg aufklappen
Werkstück- und Messmitteltemperatur sowie Bezugsbedingungen feststellen. Unter den vorgesehenen Bedingungen erneut messen und die Messunsicherheit beachten. Den Prozess so planen, dass Fertigmaß und Endprüfung nach ausreichendem Temperaturausgleich erfolgen. Ein zu kleines Teil wird durch erneutes Messen nicht größer; seine weitere Verwendung muss anhand der Anforderungen entschieden werden.